Beurteilung des BMI-SDS im Verlauf der Kindheit durch Trajektorien und deren Stellenwert für die Vorhersage einer Adipositas im Erwachsenenalter

Hintergrund

Die regelmäßige Beobachtung der Wachstums- und Gewichtsentwicklung eines Kindes und die Heranziehung dieser Information für eine Beurteilung des Gesundheitszustandes ist eine basale Aufgabe der Pädiatrie. In besonderer Weise hat die Pädiatrie den Auftrag, gesundheitsförderliches und präventives Handeln wirksam zu gestalten. Das gilt auch hinsichtlich einer Adipositas, deren Folgeerkrankungen die Lebensqualität einer Person deutlich beeinträchtigen kann. Das Kinderärztenetzwerk CrescNet steht für die konsequente Beobachtung von Körperhöhen- und Gewichtsentwicklungen bei Kindern.

Die ab dem dritten Lebensjahr weit über dem Erwartungswert liegenden Auffälligkeitsraten für Übergewicht und Adipositas, die u.a. auch durch die jährlichen Auswertungen der CrescNet-Daten bestätigt werden, sind eine dringliche Aufforderung, präventive Interventionen wirkungsvoll zu gestalten. Diese Wirksamkeit ist einerseits vom konkreten Inhalt der Maßnahmen abhängig. Andererseits wird ein Effekt von Maßnahmen aber auch deutlich vom Zeitpunkt und der dabei vorgefundenen gesundheitlichen Situation einer Person beeinflusst. Bisher werden in der gezielten Adipositasprävention Maßnahmen ergriffen, wenn insbesondere der BMI-SDS eines Kindes oberhalb eines bestimmten Schwellwertes (90. und 97. Perzentile) liegt. Anliegen von Adipositasprävention ist es aber, diese Entwicklung so zu beeinflussen, dass der kritische Schwellwert nicht überschritten wird und somit vor allem exzessive Gewichtszunahmen und deren langfristige Manifestation verhindert wird.

Ziele

In der Zusammenschau von Körperhöhen- und BMI-SDS-Entwicklungen im Kindesalter mit Hilfe von Trajektorien sollen die für eine Adipositasentwicklung prädestinierten Verlaufsformen beschrieben werden, um sie von Entwicklungen im Normbereich sicher zu unterscheiden. Das Projekt will in einem Datenbestand, der die alltägliche Situation in der pädiatrischen Basisversorgung widerspiegelt (unregelmäßige und ausschnittsweise Beobachtungen einer Entwicklung bei gesunden und erkrankten Kindern), Zeitpunkte identifizieren, an denen der BMI-SDS den „Normalbereich“ noch nicht verlassen hat, die Entwicklung einer Adipositas aber mit großer Wahrscheinlichkeit absehbar wird. Eine besondere Berücksichtigung dieser Zeitpunkte soll zukünftig die Wirksamkeit von präventiven Interventionsmaßnahmen verbessern helfen.

Methodik/Vorgehensweise

Wir planen die Analyse eines bereits existierenden und prospektiv fortgeführten, longitudinalen auxologischen Datensatzes, dessen Grundlage die Erhebung von Körpergrößen und Gewichten zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der kindlichen Entwicklung ist (~600.000 Fälle). Die Daten werden momentan in 309 Kinderarztpraxen erhoben.

Um den Stellenwert unregelmäßig erhobener Daten hinsichtlich der Vorhersage einer Adipositasentwicklung zu prüfen, soll zunächst ein retrospektiver Datenbestand (2,8 Mio. Messungen der Körpergröße und des Gewichts) von normal- und übergewichtigen Entwicklungsverläufen analysiert werden.

Die unterschiedliche Frequenz und Dichte von wiederholten Messungen bei einer Person stellt dabei eine besondere Herausforderung dar. Die Analyse soll unter Benutzung von standardisierten Verfahren und dem Einsatz von Multilevel- bzw. hierarchischen und autoregressiven Berechnungsmodellen durchgeführt werden. Nonparametrisches Modellieren und verschiedene Visualisierungstechniken für multidimensionale Daten sollen eingesetzt werden, um das Muster ("Pattern") innerhalb eines Entwicklungsverlaufs festzustellen und zu bewerten.

Individuelle Pfade in der Fläche, beschrieben durch die Veränderungen des BMI- und Körperhöhen-SDS, werden als elliptische Formen dargestellt, die durch Achsenlänge und Anstieg (wenn vorhanden) charakterisiert sind. Die Relationen zwischen diesen Formen und einer Adipositas im frühen Erwachsenenalter sollen mit Hilfe von statistischen Modellen untersucht werden. Erwartet wird ein besonderes Lebensalter-abhängiges Pattern, welches mit der Entwicklung einer späteren Adipositas assoziiert ist. Die Analyse soll auf diesem Weg typische Entwicklungspfade beschreiben.

In einer zweiten Phase wird der Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in ein für epidemiologische Betrachtungen relevantes Praxisumfeld befördert, indem Größen- und Gewichtsentwicklungen nun auch prospektiv überprüft werden. Diese Phase hat die Erstellung von Modellen zum Ziel, die eine Einschätzung des Erwartungswertes aus zurückliegenden und aktuellen Messwerten bezüglich einer Entwicklung von Adipositas erlauben und die Unsicherheiten bei der Risikoeinschätzung minimieren.

Projektleitung

Ruth Gausche
CrescNet gGmbH
Universität Leipzig
Philipp-Rosenthal-Str. 27b, 04103 Leipzig
Telefon: 0341/9726148
Fax: 0341/9728123
E-Mail: ruth.gausche@medizin.uni-leipzig.de

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