Jugendliche mit extremer Adipositas

Medizinische und psychosoziale Folgen der extremen Adipositas bei Jugendlichen – Akzeptanz und Wirkung einer strukturierten Versorgung:  Die JA-Studie

Jugendliche mit extremer Adipositas haben
ein erhöhtes Risiko für eine frühe Mortalität,
für zahlreiche somatische Folgeerkrankungen, psychische Erkrankungen und für eine soziale Isolation einschließlich Arbeitslosigkeit, die sich aufgrund funktioneller Beeinträchtigungen und der Stigmatisierung entwickelt. Trotz dieser bekannten Folgen der extremen Adipositas im Jugendalter und den häufigen erkennbaren (z.B. orthopädische Erkrankungen) und nicht erkennbaren (z.B. Hypertonie) Komorbiditäten, sind diese Jugendliche medizinisch schwer zu erreichen und zu behandeln. Nur ein kleiner Prozentsatz der Patienten sucht aktiv nach einer Behandlung. Die Gründe hierfür sind unklar und liegen vermutlich in dem jungen Alter, einer überwiegend niedrigen Bildung und einem niedrigen Sozialstatus der Betroffenen sowie in funktionellen Beeinträchtigungen infolge eingeschränkter körperlicher Mobilität und psychischen Begleiterkrankungen. Erfolglose Versuche Gewicht abzunehmen, entweder alleine und/oder mit medizinischer Betreuung, könnten zudem zu Frustration geführt haben.

In Kenntnis dieser Schwierigkeiten haben wir verschiedene Rekrutierungswege für Jugendliche mit extremer Adipositas entwickelt, welche soziale Institutionen, zu denen diese Jugendlichen Kontakt haben, ebenso wie medizinische Behandlungseinrichtungen und Patientenregister (APV, CrescNet) einschließen (Teilprojekt 1).

Wir gehen davon aus, dass die ablehnende Haltung der betroffenen Jugendlichen mit extremer Adipositas auch auf der Basis bisheriger frustrierender Versuche das Gewicht zu stabilisieren oder zu reduzieren entstanden ist. Daher soll in Teilprojekt 2 die Wirkung eines manualbasierten niederschwelligen Gruppeninterventionsprogramms, welches primär nicht auf die Gewichtsreduktion sondern auf eine Verbesserung der psychosozialen Funktion fokussiert untersucht werden. Das übergeordnete Ziel dieser Maßnahme ist es das resignierende Verhalten abzubauen und die Motivation und Zusammenarbeit mit einer Betreuungseinrichtung zu fördern. Dadurch soll eine langfristige Betreuung der Patienten auch im Hinblick auf weitere Therapieoptionen (Therapie der Komorbiditäten, ggf. bariatrisch-chirurgische Maßnahme) ermöglicht werden.

Konventionelle verhaltenstherapeutische Gewichtsreduktionsprogramme sind bei Jugendlichen mit extremer Adipositas weitgehend wirkungslos. Zu dieser Schlussfolgerung kommen internationale Metaanalysen zur Therapie der Adipositas im Kindes- und Jugendalter sowie die eigenen Ergebnisse aus dem LARGE-Projekt (Longitudinal Childhood Adiposity Research in Germany: Translation of science into clinical management (Oude Luttikhuis et al., Cochrane Database Syst Rev, 2009; Reinehr et al., Am J Clin Nutr, 2010)). Deshalb müssen bei Jugendlichen mit extremer Adipositas und schwerwiegenden Gesundheitsstörungen andere therapeutische Wege inklusive bariatrisch-chirurgischer Maßnahmen in Betracht gezogen werden. Bariatrisch-chirurgische Maßnahmen werden in zunehmender Zahl bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen weltweit und auch in Deutschland angewandt. Dies geschieht meist ohne ausreichende Qualitätssicherung im Rahmen einer strukturierten Vor- und Nachsorge. Eine aktuelle Auswertung des bariatrisch-chirurgischen Registers von Frau PD Dr. Stroh (Qualitätssicherungsstudie „Operative Therapie der Adipositas“) zeigt, dass die Qualitätssicherung im Rahmen bariatrisch-chirurgischer Maßnahmen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mangelhaft ist (Lennerz B et al., unveröffentlicht). Diese Situation ist unbefriedigend und im Falle von Jugendlichen < 18 Jahren ethisch höchst problematisch. Daher beschäftigt sich das Teilprojekt 3 mit der Sicherheit und Wirksamkeit einer bariatrisch-chirurgischen Maßnahme bei Jugendlichen mit extremer Adipositas im Rahmen eines strukturierten Vorbehandlungs- und Nachbehandlungsprogramms (Beobachtungsstudie).  

Ziele

Folgende wissenschaftliche Themen / Fragen werden bearbeitet:

  • Rekrutierung extrem adipöser Jugendlicher über verschiedene medizinische und nicht medizinische Einrichtungen
  • Bestimmung der Akzeptanzraten für die angebotene Diagnostik 
  • Dokumentation der Compliance für die angebotenen Behandlungsmöglichkeiten
  • Beurteilung der Akzeptanz für eine niederschwellige Intervention, die darauf zielt, Adipositasrelevante Informationen bereitzustellen, die soziale Isolation zu reduzieren und das Selbstwertgefühl zu erhöhen
  • Beurteilung der Wirksamkeit und Sicherheit dieser niederschwelligen Intervention in einem randomisierten Vergleich mit einer Kontrollgruppe
  • Bestimmung der Rate der Jugendlichen, die bereit sind, eine bariatrisch-chirurgische Intervention in Betracht zu ziehen
  • Bestimmung der Rate an Jugendlichen, die für eine bariatrisch-chirurgische Intervention geeignet sind
  • Untersuchung der somatischen und psychiatrischen Komorbiditäten und des psychosozialen Status von Jugendlichen mit extremer Adipositas in einer Querschnitts- und Längsschnitt-Studie
  • Bestimmung von Prädiktoren für die Akzeptanz der diagnostischen Abklärung, die Compliance für die angebotenen Behandlungsoptionen, die Akzeptanz der niederschwelligen Intervention und die Akzeptanz und Eignung für eine bariatrisch-chirurgische Intervention
  • Berechnung der sozio-ökonomischen Last der extremen Adipositas im Jugendalter (Core Domain „Gesundheitsökonomie“)
  • Bestimmung des Prozentsatzes der Jugendlichen, die in eine Ausbildungsstelle oder eine Arbeitsstelle vermittelt werden können
  • Initiierung einer Langzeit-Studie an Jugendlichen mit extremer Adipositas (BMI ≥ 35 kg/m2) und Jugendlichen mit dem Risiko eine extreme Adipositas (BMI ≥ 30 bis 34,9 kg/m2) zu entwickeln (at risk group)
  • Identifikation psychosozialer und biologischer Risikofaktoren für die Entwicklung einer extremen Adipositas in der „at-risk group“
  • Vergleich der Ergebnisse der Verlaufsbeobachtungen der Patienten mit bariatrisch-chirurgischer Maßnahme mit denen von Patienten ohne chirurgische Maßnahme und mit Patienten, die in der NIH Teen-LABS-Studie teilnehmen (Studienleiter: Dr. Thomas Inge, Cincinnati, USA)
  • Bereitstellung einer Plattform für Forschungsprojekte

Übergeordnetes Ziel ist es, eine wissenschaftlich fundierte medizinische und psychosoziale Betreuung von Jugendlichen mit Adipositas (BMI ≥ 30 kg/m2) in Deutschland zu etablieren.     

Vorgehensweise

Insgesamt arbeiten 5 Zentren (Ulm, Berlin, Leipzig, Datteln, Essen) zusammen.

Es sollen Jugendliche mit extremer Adipositas (BMI ≥ 35 kg/m2) sowie adipöse Jugendliche mit dem Risiko, eine extreme Adipositas zu entwickeln (BMI ≥ 30 – 34,9 kg/m2), innerhalb von 24 Monaten über verschiedene medizinische und nicht medizinische Wege rekrutiert werden. Die Folgeuntersuchungen werden halbjährlich über einen geplanten Zeitraum von 9 Jahren durchgeführt. Die detaillierten Vorgehensweisen sind in den einzelnen Teilprojekten beschrieben.

Abb.: Gesamtübersicht über alle 4 Teilprojekte und die Langzeit-Kohortenstudie (Verlaufsstudie) des Konsortiums „Jugendliche mit extremer Adipositas“: JA-Studie

Projekte

Im Rahmen der JA-Studie werden 3 Teilprojekte gefördert.
Zusätzlich erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit der Core Domain "Gesundheitsökonomie" im Teilprojekt 4.

Teilprojekt 1: Identifizierung und Charakterisierung von Jugendlichen mit extremer Adipositas - Basisuntersuchung und Langzeit-Kohortenstudie

Teilprojekt 2: Randomisierte, kontrollierte Studie zur Bewertung einer strukturierten, manual-basierten, niederschwelligen Intervention im Vergleich zur Standardbehandlung für Jugendliche mit extremer Adipositas – die STEREO Studie (A structured, manual-based low-level intervention vs. treatment as usual evaluated in a randomized controlled trial for adolescents with extreme obesity – the STEREO trial)

Teilprojekt 3: Sicherheit und Wirksamkeit einer bariatrisch-chirurgischen Maßnahme bei Jugendlichen mit extremer Adipositas im Rahmen  eines strukturierten Vorbehandlungs- und Nachbehandlungs-Programms – Beobachtungsstudie

Teilprojekt 4: Ökonomische Aspekte der extremen Adipositas bei Jugendlichen

Informationsbroschüren